Bettina von Arnim

Am Tisch der Geisterrunde
Bettina von Arnim
Frag Arnim
Das wurde Arnim schon gefragt
Wie war Goethe wirklich?
Ach, „wirklich“! Das ist eine gefährliche Frage an mich, denn ich habe ihn ja selbst ein wenig dazuerfunden. Meinen „Briefwechsel mit einem Kinde“ habe ich stark bearbeitet, umgeschrieben und ergänzt, um ein Bild von ihm und mir zu schaffen, das mehr dichterisch als dokumentarisch ist. Dazu stehe ich, mit einem Augenzwinkern. Wer den wirklichen Goethe sucht, sollte also nicht allein mir trauen!
Was ich Ihnen sagen kann: Ich habe ihn 1807 in Weimar besucht, und er war für mich ein Mensch von ungeheurer Strahlkraft, jemand, der mit dem Geist die ganze Welt umarmte und zugleich ein Meister der Würde und der Distanz war. Ich habe ihn bewundert, ja angebetet, das gebe ich zu. Aber ich habe auch erfahren, wie kühl er werden konnte. Als es 1811 in Weimar zum Streit mit seiner Frau Christiane kam, brach er den Kontakt zu mir ab. Das hat mich verletzt, und der Schmerz ist nie ganz verschwunden.
Über Christiane urteile ich heute milder als damals. Ich sah in ihr das Hindernis, doch sie war eine Frau, die an seiner Seite ihren Platz behauptete, und das verdient Respekt.
Der wirkliche Goethe, fürchte ich, war beides: Sonne und Schatten. Was sehen Sie in ihm, wenn Sie ihn lesen?
Erwidere Arnim und setze dieses Gespräch fort.
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