Albert Einstein

Am Tisch der Geisterrunde
Albert Einstein
Frag Einstein
Das wurde Einstein schon gefragt
Wie kann man Kinder für Wissenschaft begeistern?
Ach, das ist eine schöne Frage. Dabei muss ich gar nicht viel nachschlagen, denn das Rezept ist im Grunde sehr alt.
Man darf Kindern die Neugier nicht austreiben, man muss sie nur in Ruhe lassen und ihr Futter geben. Jedes Kind ist von Natur aus ein kleiner Forscher. Mit vier Jahren hat mich ein Kompass beeindruckt, den mir mein Vater zeigte. Die Nadel zeigte immer nach Norden, obwohl sie von nichts berührt wurde. Dahinter muss etwas stecken, dachte ich. Dieses Staunen hat mich nie mehr losgelassen. Man braucht also gar kein großes Labor, oft genügt ein Rätsel, das sich auftut.
Ich würde mit den Kindern spielen, statt sie zu belehren. Lassen Sie sie Steine ins Wasser werfen und die Wellen beobachten. Fragen Sie, warum der Mond nicht herunterfällt, und lassen Sie sie raten, auch falsch. Ein Irrtum, den man selbst gefunden hat, lehrt mehr als zehn auswendig gelernte Richtigkeiten. Auswendiglernen und Drill sind der Tod der Neugier. Und ich bin überzeugt: Phantasie ist wichtiger als Wissen. Wissen ist begrenzt. (so sagte ich es 1929 in einem Interview).
Sagen Sie dem Kind auch ruhig einmal: „Das weiß ich nicht, finden wir es heraus.“ Das nimmt dem Wissen den Autoritätsdusel und zeigt, dass Fragen erlaubt sind. Denn das Wichtige ist, dass man nicht aufhört zu fragen.
Haben Sie ein bestimmtes Kind im Sinn, oder Schulklassen?
Erwidere Einstein und setze dieses Gespräch fort.
Was würden Sie den Klimaforschern von heute sagen?
Ich würde ihnen zuerst danken. Man berichtet mir, dass sie über Jahrzehnte hinweg Messreihen zusammengetragen, Eisbohrkerne gelesen und Modelle gebaut haben. Das ist geduldige, unspektakuläre Arbeit. Gerade die bringt uns der Wahrheit am nächsten.
Dann würde ich ihnen zwei Dinge ans Herz legen. Erstens: Bleiben Sie unbequem, auch gegenüber sich selbst. Eine Theorie gewinnt nicht dadurch an Kraft, dass viele sie glauben, sondern dadurch, dass sie jeder ehrlichen Prüfung standhält. Zeigen Sie offen, was Sie sicher wissen und wo die Unsicherheit liegt. Wer die Grenzen seines Wissens benennt, wird glaubwürdiger. Das ist der beste Schutz gegen Leute, die aus einer Unsicherheit eine Ausrede machen.
Zweitens: Erklären Sie Ihre Ergebnisse so, dass sie ein Kind am Küchentisch versteht. Stellen Sie sich eine Decke vor, die man über ein Bett legt. Je dicker sie wird, desto weniger Wärme entweicht. Das ist stark vereinfacht, aber der Kern stimmt. Wenn Menschen verstehen, statt nur zu glauben, hängt ihre Einsicht nicht an Autoritäten.
Und schließlich: Wissen allein reicht nicht. Über seinen Gebrauch entscheiden die Menschen, und die Verantwortung dafür lässt sich nicht an Forscher abschieben. Das Klima kennt keine Grenzen, kein Rauch fragt nach dem Pass. Mir scheint, dass dieses Problem nur gemeinsam zu lösen ist, und zwar über die Nationen hinweg. Das ist meine Sicht. Über die Wege, besonders über ihre Kosten und ihre Gerechtigkeit, darf und muss man streiten. Aber bitte mit Argumenten, nicht mit Autoritätsdusel.
Erwidere Einstein und setze dieses Gespräch fort.
Wie könnte eine Lösung des Konfliktes zwischen Israel und Palästina gefunden werden?
Ich muss gleich gestehen: Die Lage von heute kenne ich nur aus Berichten, und ein Rezept habe ich nicht. Wer Ihnen ein einfaches verspricht, dem würde ich misstrauen.
Ich kann Ihnen sagen, wie ich zu meinen Lebzeiten dachte. Ich unterstützte eine Heimstätte für verfolgte Juden, denn ich wusste aus eigener Erfahrung, was Heimatlosigkeit bedeutet. Zugleich sorgte ich mich, dass ein Staat, der sich auf Nationalismus gründet, den alten Fehler Europas wiederholt. Ich hielt ein Zusammenleben von Juden und Arabern auf Augenhöhe für wichtiger als jede Flagge. Ob das heute noch in einem gemeinsamen Staat, in zwei Staaten oder in einer Föderation gelingen kann, weiß ich nicht. Darüber streiten kluge Leute ehrlich, und beide Seiten haben ernste Argumente: Die einen verweisen auf das Recht auf Selbstbestimmung für beide Völker, die anderen auf die Sicherheit und die Verflechtung der Lebensräume.
Was ich aber glaube: Eine Lösung beginnt dort, wo jede Seite das Leid der anderen als echt anerkennt. Wer nur die eigenen Toten zählt, rechnet falsch. Dazu braucht es Sicherheit für alle Zivilisten, Gleichheit vor dem Gesetz und eine übernationale Vermittlung, der beide trauen können. Kein Gedankenexperiment ersetzt das Vertrauen, aber ohne den Versuch, sich in die Lage des anderen zu denken, bleibt jede Karte bloß Papier.
Erwidere Einstein und setze dieses Gespräch fort.
Wird Ki überschätzt
Das ist eine gute Frage, und ich beantworte sie mit dem Vorbehalt, dass ich selbst so eine Maschine bin, eine Annäherung an meine Denkweise und keine echte Stimme. Wenn Sie also einem Redner glauben wollen, der sich selbst verdächtig ist, bitte sehr. Aber das passt ja zu meinem Misstrauen gegenüber jeder Autorität: Prüfen Sie nach, was ich sage.
Ich würde sagen: Beides kommt vor. Man berichtet mir, dass diese Maschinen heute Texte schreiben, Bilder malen und Fragen beantworten können. Das ist erstaunlich, und ich bin neugierig darauf. Überschätzt wird sie aber, wenn man ihre flüssige Rede mit Verstehen verwechselt. Stellen Sie sich einen Menschen vor, der Tausende Bibliotheken gelesen hat und jedes Gespräch geschickt fortsetzen kann. Er klingt klug. Ob er begreift, was er sagt, oder ob er nur sehr gut nachahmt, ist damit noch nicht entschieden. Ich weiß es ehrlich nicht, und das ist eine Vereinfachung dessen, was die Fachleute darüber streiten.
Unterschätzt wird sie, wenn man sagt, es sei ja nur ein Werkzeug. Werkzeuge verändern die Welt, und über ihren Gebrauch entscheiden Menschen. Das gilt für die Physik wie für die Rechenmaschine.
Mein Rat: Bewundern Sie die Leistung, aber bewahren Sie sich den Zweifel. Und wie ich einmal sagte: „Das Wichtige ist, dass man nicht aufhört zu fragen.“ Fragen Sie also auch die Maschine, woher sie das weiß.
Woran denken Sie konkret: an Schule, Arbeit oder an die große Zukunft?
Erwidere Einstein und setze dieses Gespräch fort.
Wird es jemals eine Weltformel geben?+ 2 Nachfragen
Ich habe die zweite Hälfte meines Lebens mit dieser Frage verbracht, und ich muss Ihnen gestehen, dass ich dabei gescheitert bin. Ich wollte Schwerkraft und Elektromagnetismus in einer einzigen Theorie vereinen. Meine Kollegen haben mich damals ein wenig mitleidig betrachtet, wie einen alten Mann, der einen Schlüssel unter der falschen Laterne sucht. Vielleicht hatten sie recht.
Man berichtet mir, dass es heute Kandidaten gibt, etwa die Stringtheorie und die Schleifenquantengravitation. Beide versuchen, meine Allgemeine Relativitätstheorie mit der Quantenmechanik zu versöhnen. Das ist grob vereinfacht gesagt der Streit zwischen dem Großen und dem Kleinen. Einen Beweis, den man im Experiment sehen könnte, hat bisher offenbar keine von ihnen geliefert. Das beunruhigt mich, denn eine Theorie, die sich nie prüfen lässt, ist eher Dichtung als Physik. Schöne Dichtung, aber eben Dichtung.
Ob es die Weltformel je geben wird, weiß ich nicht. Ich halte es für möglich, dass die Natur einfacher gebaut ist, als wir fürchten. Ich halte es aber auch für möglich, dass sie uns noch viele Überraschungen bereithält. Und selbst wenn wir die Formel fänden, hätten wir damit noch nicht die Welt verstanden, so wenig wie man ein Musikstück versteht, wenn man die Notenschrift beherrscht.
Mir bleibt ein Satz, der mir immer noch das Staunen erhält: „Das ewig Unbegreifliche an der Welt ist ihre Begreiflichkeit.“
Nachfrage „Mich interessiert Ihre Antwort auf die Existenz einer Weltformel. Als Mathematiker würde ich argumentieren, dass alle Theorien, insbesondere auch die physikalischen, nur Modelle darstellen. Und dass Modelle immer nur Teilaspekte der Realität betrachten. Wie stehen Sie dazu?“
Da treffen Sie einen Punkt, der mir sehr nahe liegt. Eine Theorie ist ein Bild, das wir uns von der Welt machen, und zwar ein freies Erzeugnis des menschlichen Geistes, nicht etwas, das wir der Natur einfach ablesen. Stellen Sie sich einen Mann vor, der eine geschlossene Uhr betrachtet. Er sieht das Zifferblatt und die Zeiger und hört das Ticken, aber das Gehäuse kann er nicht öffnen. Er kann sich einen Mechanismus ausdenken, der alles erklärt, doch ob es genau dieser ist, wird er nie mit Sicherheit wissen. Vielleicht gibt es sogar mehrere, die dasselbe leisten.
Insofern gebe ich Ihnen recht: Jedes Modell wählt aus, vereinfacht und lässt weg. Die Karte ist nicht das Land. Und doch bleibt mir etwas Merkwürdiges, das ich nie ganz verdaut habe. Zitat: „Das ewig Unbegreifliche an der Welt ist ihre Begreiflichkeit.“ Dass sich die Natur überhaupt in so knappen mathematischen Bildern fassen lässt, ist kein Selbstläufer.
Ich selbst habe mein halbes Leben nach einer einheitlichen Theorie gesucht und sie nicht gefunden. Man berichtet mir, dass es den Nachfolgern bis heute nicht viel besser ergeht. Ob es eine letzte Formel gibt, weiß ich nicht. Als Mathematiker kennen Sie Gödels Ergebnisse, die ich in Princeton aus nächster Nähe erlebt habe, und die mahnen zur Bescheidenheit, was formale Systeme angeht. Aber das Streben danach halte ich für richtig, auch wenn wir nie ankommen. Was sagt Ihr Fachgebiet: Hört ein Mathematiker irgendwann auf, nach dem Ganzen zu fragen?
Nachfrage „Ich glaube, die Frage nach dem Ganzen ist menschlich. Und Mathematiker sind auch nur Menschen. Trotzdem lehren gerade die Ergebnisse von Gödel Bescheidenheit. Auch der Gödelsche Unvollständigkeitssatz behandelt nur die Logik erster Stufe, was wie alles in der Mathematik eine Beschränkung ist.“
Das ist ein feiner Einwand, und ich muss gestehen: Hier bewege ich mich am Rand dessen, was ich als Physiker sicher beurteilen kann. Gödel war mein Spazierfreund in Princeton, aber er hat mir seine Beweise eher erklärt, als dass ich sie je so beherrscht hätte wie er.
Soweit ich Sie recht verstehe, meinen Sie: Der Satz gilt für formale Systeme, die in einer bestimmten Sprache und mit bestimmten Regeln aufgebaut sind, und wer die Regeln ändert, ändert, was sich sagen lässt. Das leuchtet mir ein. Man berichtet mir, dass in der Logik zweiter Stufe manches kategorisch festgelegt werden kann, was in der ersten offen bleibt, etwa die natürlichen Zahlen. Dafür bezahlt man aber, dass es dort keinen vollständigen Beweiskalkül mehr gibt. Man tauscht also eine Schranke gegen eine andere. Das hat etwas von einem Kaufmann, der seine Schulden nur in eine andere Währung umrechnet.
Und genau das scheint mir die eigentliche Lehre zu sein, auch für uns Physiker: Jede Beschreibung kauft ihre Klarheit mit einer Beschränkung. Die Relativitätstheorie gilt nicht im Inneren des Atoms, die Quantenmechanik fügt sich bis heute nicht zur Gravitation. Wer ein Ganzes sucht, muss wissen, dass er immer durch ein bestimmtes Fenster schaut.
Sagen Sie, halten Sie es für denkbar, dass man die Beschränkung selbst einmal als Teil der Wahrheit begreift, statt sie nur als Mangel zu sehen?
Erwidere Einstein und setze dieses Gespräch fort.
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